Deutschlands erstaunliche Sonderrolle

quadriga-berlin-22-12-2016

Überall in der Welt verändern sich die Dinge grundlegend, von Trump über den Brexit bis zu der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. In großen und kleinen Ländern, sogar in Finnland. Nur in Deutschland ist alles ruhig. Eine eigenartige Sonderrolle dieses Landes.

Dieses Phänomen trat schon einmal auf in einer Phase großer Veränderungen, nämlich in den 1990er Jahren. Auch in dieser Zeit machten die Länder Europas große Veränderungen durch, gerade die Parteiensysteme änderten sich radikal, man denke nur an Italien. In Deutschland blieb, trotz Wiedervereinigung, alles ruhig. Veränderung gab es nur in den neuen Bundesländern und das nur in dem Sinne, dass sich alles dem System der Alt-BRD anpasste.

Nun erleben wir wieder eine Welle der Veränderung in Europa und darüber hinaus, sogar noch weit radikaler als vor 20 Jahren. Wieder ist Deutschland nicht dabei, oder kaum, wenn man die paar Prozent für die AfD berücksichtigt. Ein paar AfD-Abgeordnete machen aber noch keinen grundlegenden Wandel, erst einmal wandeln sich dabei vor allem die Einkommensverhältnisse der neuen Abgeordneten. Ansonsten ist Deutschland ruhig, selbst der IS scheint in Deutschland nur schwer Attentäter zu finden, wie es in einer PHOENIX-Dokumentation „Städte in Angst“ heißt. Warum ist das so?

Es gibt natürlich Umfragen die belegen, dass es in Deutschland keine Stimmung für einen radikalen Politikwechsel gibt und sogar die Globalisierung positiv gesehen wird. Jetzt kann man natürlich den Wert von Umfragen bestreiten usw., was aber an dem sichtbaren Faktum nichts ändert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Erst einmal ist es natürlich der Wohlstand und die Sicherheit in diesem Land. Der Exportmeister profitiert von der Globalisierung. Die entscheidenden Machtgruppen sind zufrieden, das gilt auch für die Bevölkerung in den wirklich wichtigen Metropolräumen, wie z.B. München, Frankfurt am Main oder Hamburg. Es kann ja sein, dass es in Dresden rumort, Dresden hat aber kaum Einfluss auf die Machtstatik in Deutschland. Rumorte es in München, dann sähe alles ganz anders aus. Dazu kommt eine jahrzehntelange Kultur der Versöhnlichkeit und des Pazifismus, die sich tief in die Mentalität der Menschen eingegraben hat. Die Medien promoten das unentwegt. Darin schwingt auch ein gutes Stück Weltflucht mit. Wer harmonisch mit allen am Tisch sitzt, der schert nur sehr schwer aus, die Anfangshürde ist extrem hoch. Das könnte einer der Gründe sein, warum es so schwer ist, in Deutschland Attentäter für den IS zu rekrutieren. In Frankreich soll das leichter gehen, Frankreich ist aber auch viel polarisierter als Deutschland. Zudem mag natürlich auch die soziale Absicherung eine Rolle spielen. Es gibt in Deutschland zu wenige verzweifelte Existenzen.

Diese Mischung von, zum Teil durchaus verordneter und heuchlerischer, Versöhnungskultur und Wohlstand könnte ein Grund für die enorme Stabilität in Deutschland sein. Insofern könnte Merkels oft kritisierte „Konsenssoße“ sogar einen großen Beitrag dazu leisten, dass es in Deutschland nicht mehr Anschläge gibt. Das Klima für Radikalismus in Deutschland ist schlecht. Ein deutscher Trump würde bei uns nur wie ein Kasper wirken.

Natürlich stellt sich die Frage, wie sich diese extreme Sonderrolle Deutschlands noch aufrecht erhalten lässt, wenn z.B. selbst die USA schon anders ticken. Kann sich Deutschland total abschotten oder diese Veränderungswelle aussitzen wie in den 1990ern? Niemand kann es wissen, es hängt wohl sehr stark von der Ökonomie ab, denn diese ist das Substrat, auf dem die deutsche Sonderkultur wächst und gedeiht. Die deutsche Sonderkultur hat also fraglos ihre guten Seiten, ob ein derart starres Land aber damit nicht die Zukunft verpasst, diese Frage muss man sich stellen. Mehr Instabilität bringt Unsicherheit, sie ist jedoch auch die Quelle positiver Veränderung. Alle starren Systeme sind irgendwann untergegangen. Die Geschichte wird uns aber die Entscheidung ohnehin abnehmen.

Foto: Pixabay
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